Robert Thomann
Robert Thomann Smart City Mannheim GmbH

Vom Sensor zur Wirkung: Wie Mannheim Daten für den Klima- und und Hitzeschutz nutzt

04.11.2026

Wie lässt sich die Wirkung von Smart-City-Maßnahmen erfassen? Und wie können erfolgreiche Ansätze nach Ende der Förderung weitergeführt werden? Im Interview erläutert Geschäftsführer Robert Thomann von der Smart City Mannheim GmbH, wie die Stadt die Wirkung ihrer Smart-City-Maßnahmen erfasst. Am Beispiel des Klimamessnetzes beschreibt er, wie aus Echtzeitdaten konkrete Grundlagen für Hitzeschutz und Stadtplanung entstehen – und wie sich die entwickelten Lösungen über Mannheim hinaus nutzen lassen.

Main content

Herr Thomann, Sie haben ein sehr umfassendes System für die Wirkungsmessung Ihrer Smart-City-Maßnahmen entwickelt. Erläutern Sie doch bitte kurz, woran Sie sich hier orientieren und wie Sie das System aufgebaut haben.  

Wir orientieren uns sehr stark am IOOI-Modell, das zwischen Input, Output, Outcome und Impact unterscheidet. Für die Wirkungsmessung differenzieren wir zwischen den Leistungsdimensionen – also Input und Output – und den Wirkungsdimensionen Outcome und Impact. Innerhalb der Wirkungsdimensionen unterscheiden wir zwischen Veränderungen im Wissen und in den Kompetenzen, Veränderungen im Handeln sowie Veränderungen der Lebenslage beziehungsweise des Zustands der Stadt. Unsere eigene Wirkung, also die Wirkung der Smart City Mannheim GmbH, entfaltet sich dabei vor allem auf den Ebenen Wissen und Handeln: Durch die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung stärken wir Wissen, Kompetenzen und Handlungsfähigkeit der beteiligten Akteure. Diese können darauf aufbauend Stadtplanung und Stadtsteuerung verbessern und damit mittelbar zu Veränderungen im Zustand der Stadt beitragen.

Können Sie dies an Beispielen verdeutlichen?

Ein Beispiel für die Wissensebene ist die Klimaanpassung: Wir stellen denjenigen, die Klimaanpassungskonzepte entwickeln und umsetzen, Daten und Informationen über die klimatischen Verhältnisse zur Verfügung. Wirkung entsteht auf dieser Ebene dann, wenn diese Informationen das Wissen und die Entscheidungsgrundlagen der Verantwortlichen verbessern. Auf der Ebene des Handelns unterstützen wir die Verkehrsplanung. Wir setzen ein Simulationstool ein, das auf Basis von Echtzeitdaten abschätzt, welche Effekte bestimmte Maßnahmen haben – etwa die Sperrung einer Fahrspur oder eine veränderte Ampelschaltung. Wenn diese Erkenntnisse in Planungsentscheidungen einfließen und zu einem veränderten Vorgehen führen, bewegen wir uns auf der Handlungsebene.

Gibt es auch ein Beispiel für die dritte Ebene, also die Veränderung der Lebenslage beziehungsweise des Zustands der Stadt?

Ja, im Rahmen einer Heizzeitkampagne haben wir Privathaushalte mit Messstationen für die Innenraumtemperatur ausgestattet und die Echtzeitdaten in einem Dashboard visualisiert. Dabei haben wir unterschiedliche Interventionen getestet: Eine Gruppe sah nur die eigene Innenraumtemperatur, eine zweite zusätzlich die Durchschnittstemperatur der teilnehmenden Haushalte und eine dritte darüber hinaus eine normative Empfehlung des Umweltbundesamtes.

Klimamessnetz Dashboard
Beispielhafte Ansicht des Klimamessnetz-Dashboards Smart City Mannheim GmbH

Die Evaluation zeigte, welche Interventionen das Heizverhalten am stärksten beeinflussten. Der soziale Vergleich führte beispielsweise dazu, dass Haushalte ihr Heizverhalten anpassten. Das ist zunächst eine Wirkung auf der Handlungsebene. Wenn sich daraus ein geringerer Energieverbrauch, niedrigere Kosten oder vermiedene CO₂-Emissionen ergeben, erreichen wir die dritte Wirkungsebene: eine messbare Veränderung der Lebenslage beziehungsweise des Zustands. 

Wie weit ist die Wirkungsmessung beim Klimamessnetz? Gerade mit Blick auf den vergangenen heißen Sommer erscheint dies eine besonders relevante Maßnahme. Kann die Wirkungsmessung dies belegen? 

Im Grunde verfolgen wir zwei Ansätze. Zum einen nutzen wir ein sehr engmaschiges Sensornetz, zum anderen entsteht gerade ein Mikroklimamodell. Die historischen Daten aus dem Sensornetz nutzen wir vor allem, um die Freiraum- und Grünflächenplanung zu unterstützen. Gleichzeitig erheben wir die Daten alle zehn Minuten und haben damit auch einen Echtzeitdatensatz. Und gerade dieser wird momentan verstärkt nachgefragt: Seit diesem Jahr gibt es in Mannheim einen Hitzestab, welcher gemeinsam von den Fachbereichen Klima, Natur und Umwelt sowie Jugendamt und Gesundheitsamt organisatorisch verantwortet wird, die Gesamtleitung liegt bei der 1. Bürgermeisterin Diana Pretzell. Dieser Hitzestab nutzt unsere Echtzeitdaten, um objektiv nachvollziehbar entscheiden zu können, wo Handlungsbedarf besteht und wo entsprechende Maßnahmen sinnvoll sind. Damit sind wir zunächst auf der Wissensebene, also bei der ersten Wirkdimension.

2027 soll dann die Handlungsebene dazukommen. Die Stadt Mannheim entwickelt derzeit eigene Hitzewarnstufen, die differenzierter sind als die des Deutschen Wetterdienstes, und möchte diesen Warnstufen konkrete Maßnahmen zuordnen. Das heißt: Wir liefern künftig nicht nur die Datengrundlage dafür, wann eine Warnstufe ausgelöst wird, sondern wollen über die Datenplattform auch die entsprechenden technischen Systeme steuern und entsprechenden Maßnahmen in Echtzeit auslösen. Beispielsweise können Hitzewarnungen ausgegeben, Trinkwasserangebote aktiviert oder bei erwarteten extremen Hitzeereignissen gezielt Personal und Ressourcen eingesetzt werden. Ziel ist es, auf Hitzeereignisse frühzeitig zu reagieren, gesundheitliche Belastungen zu reduzieren und insbesondere vulnerable Gruppen besser zu schützen.

Das Klimamessnetz ist aktuell noch eine geförderte Maßnahme. Welche Perspektive gibt es für die Maßnahme über den Förderzeitraum hinaus? 

Die Nachnutzung steht für uns ganz klar im Mittelpunkt. Dabei verfolgen wir zwei Richtungen: Zum einen wollen wir die aufgebaute Infrastruktur innerhalb Mannheims weiter nutzen und in Wert setzen. Zum anderen überlegen wir, wie wir das im Projekt für Mannheim entwickelte IT-System und unser Anwendungswissen auch anderen Städten zur Verfügung stellen können. Es gibt elf Produkte aus den Bereichen Hitzeschutz, Mobilitätsmanagement und Stadtsauberkeit, die eine gewisse Übertragbarkeit haben und sich dafür eignen. 

Dabei hilft uns unsere besondere Struktur: Die MVV Energie AG hält 50 Prozent an der Smart City Mannheim GmbH, die anderen 50 Prozent hält die Holding der Stadt Mannheim, die MKB Mannheimer Kommunalbeteiligungen GmbH. Damit verfügen wir sowohl über die technischen Kompetenzen zum Aufbau solcher Systeme als auch über das notwendige Wissen darüber, wie Verwaltung und Stadtplanung funktionieren. Natürlich wissen wir, dass wir wahrscheinlich nicht ab dem 1. Januar 2028 plötzlich so viele Aufträge haben werden, dass sich das unmittelbar selbst trägt. Deshalb müssen wir auf jeden Fall eine Übergangszeit organisieren. Der Weg ist aus unserer Sicht aber grundsätzlich richtig: die Infrastruktur in Mannheim weiter zu nutzen und zugleich Infrastruktur und Anwendungswissen für andere Kommunen nutzbar zu machen.

Besten Dank für das Gespräch!