Stadtansicht Cincinnati bei Sonnenuntergang
In Cincinnati hat der Verlust prägender Industrien tiefgreifende sozioökonomische Veränderungen hinterlassen – mit Folgen für Infrastruktur, Verwaltungskapazitäten und soziale Teilhabe. Digitale Instrumente fungieren hier als Katalysator für eine wirtschaftliche Diversifizierung, für soziale Innovation und kooperative Governance-Strukturen und stärken damit die kommunale Steuerungsfähigkeit unter unter den Bedingungen des langfristen wirtschaftlichen Strukturwandels. adobe.stock.com - bilanol

Digitale Notwehr oder strategische Chance? Smart City in strukturschwachen Städten

05.03.2026

Was bedeutet Digitalisierung für strukturschwache und schrumpfende Städte? Eine vergleichende Untersuchung zur digitalen Transformation im Ruhrgebiet und im US-amerikanischen Rust Belt zeigt: In altindustriellen Regionen ist Smart City kein futuristisches „Nice-to-have“, sondern Teil kommunaler Daseinsvorsorge.

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Wenn Städte nicht mehr wachsen

Straße in Cincinnati Ohio, ein Haus steht erkennbar leer und wirkt verfallen
Straße mit leerstehendem Haus in Cincinnati, Ohio. Ähnliche Bilder lassen sich auch in deutschen Städten im Strukturwandel beobachten, etwa in Gelsenkirchen. Jakob Schackmar

In der internationalen Debatte wird Smart City häufig als Innovationsstrategie wachsender Metropolen diskutiert. Für viele deutsche Kommunen stellen sich jedoch ganz andere Fragen: Langfristiger Bevölkerungsschwund, Fachkräftemangel, knappe Haushalte sowie alternde soziale und technische Infrastrukturen prägen ihren Alltag. Gleichzeitig wachsen die Erwartungen an digitale Services, Transparenz und Beteiligung.

Gerade altindustrielle Regionen wie das deutsche Ruhrgebiet oder Städte im US-Rust Belt gelten heute als „Laboratorien“ für neue Strategien im Umgang mit Schrumpfung. Die zentrale Frage lautet nicht mehr, wie erneutes Wachstum organisiert werden kann, sondern wie Stabilisierung, Lebensqualität und Handlungsfähigkeit gesichert werden.

Als Autor dieses Blogbeitrags habe ich mich in meiner Dissertation mit der Frage beschäftigt, welche Rolle Smart-City-Strategien und -Maßnahmen unter diesen Bedingungen spielen können. Der internationale Vergleich zwischen Gelsenkirchen und Cincinnati (Ohio) zeigt: Smart City wirkt weniger als Wachstumsbeschleuniger, sondern als Bestandteil integrierter Revitalisierungsstrategien. Digitale Technologien können Verwaltungshandeln effizienter, transparenter und partizipativer gestalten und so zur Stabilisierung schrumpfender Städte beitragen.

Realitätscheck: Stabilisierung ist das neue Wachstum

Ein Gebäude von außen
Das 1819 Innovation Hub ist ein von der University of Cincinnati betriebener Ort und Netzwerk, an dem Studierende, Start-ups und lokale Unternehmen im Bereich Digitalisierung/Smart City durch den direkten Zugang zu Forschung, Talenten und moderner Infrastruktur profitieren. Jakob Schackmar, BBSR

In vielen altindustriellen Regionen trägt das klassische Wachstumsleitbild nicht mehr. Der Verlust prägender Industrien hat tiefgreifende sozioökonomische Veränderungen ausgelöst – mit langfristigen Folgen für Infrastruktur, Verwaltungskapazitäten und soziale Teilhabe. Bevölkerungsrückgang, Fachkräftemangel und sinkende Einnahmen prägen den kommunalen Handlungsspielraum.

Ein zentrales Ergebnis meiner Untersuchung lautet: Smart-City-Strategien erzeugen in schrumpfenden Städten keine eigenständigen Wachstumsimpulse. Sie etablieren keine neuen Leitindustrien und kehren demografische Trends nicht um. Zugleich zeigt die Analyse, dass zentrale politische Leitdokumente und Förderansätze – etwa im Kontext der Smart City Charta und der bundesdeutschen Förderkulisse der Modellprojekte Smart Cities (MPSC) – Smart City primär als Bestandteil nachhaltiger, integrierter Stadtentwicklung rahmen und nicht als isoliertes Instrument.

Ihr Mehrwert liegt in der Stabilisierung und Weiterentwicklung bestehender Strukturen. In Gelsenkirchen steht eine kommunal getragene Digitalisierungsstrategie „Vernetzte Stadt“ im Mittelpunkt, die Open-Data-Ansätze, die Mängelmelder-App, digitale Beteiligungsplattformen sowie der Ausbau der Geodateninfrastruktur und anderes im Fokus, um Transparenz, Koordination und Teilhabe zu stärken.

In Cincinnati basiert die Smart-City-Entwicklung stärker projektgetrieben auf einer Public-Private-Partnership-Logik. Universitäre Kooperationen, privatwirtschaftliche Innovationsnetzwerke und zivilgesellschaftliche und philanthropische Initiativen prägen den Ansatz. Das Office of Performance & Data Analytics betreibt eine Open-Data-Plattform mit mehr als 160 Datensätzen. Anwendungen in der Stadtentwicklung im Bereich Bürgerbeteiligung haben unter anderem das Stadtplanungsspiel Simcinnati oder auch eine Mängelmelder-App hervorgebracht. Mit dem 2020 gegründeten Cincinnati Innovation District (CID) entstand unter Führung der University of Cincinnati ein öffentlich-privater Innovationsknotenpunkt, der Forschung, Wirtschaft und Stadtentwicklung verbindet. Einrichtungen wie der 1819 Innovation Hub oder das Digital Futures Building bündeln Startup-Förderung, Datenwissenschaft und sensorbasierte Technologien.

Digitale Instrumente fungieren hier als Katalysator für eine wirtschaftliche Diversifizierung, für soziale Innovation und kooperative Governance-Strukturen und stärken damit die kommunale Steuerungsfähigkeit unter Schrumpfungsbedingungen.

Digitale Maßnahmen wirken hier vor allem entlastend:

  • Digitale Schnittstellen für Serviceanfragen, etwa für Mängelmeldungen reduzieren den Bearbeitungsaufwand in personell geschwächten Fachämtern.
  • Open-Data-Ansätze, zum Beispiel durch frei zugängliche Verwaltungs- und Infrastrukturdaten, verbessern Koordination und Transparenz ohne neue Organisationseinheiten.
  • Digitale Beteiligungsformate, wie Onlinebeteiligungen, digitale Workshops oder Konsultationen, ermöglichen Teilhabe auch dort, wo klassische Formate kaum noch leistbar sind.

Im internationalen Vergleich zeigt sich Smart City häufig als Form „digitaler Notwehr“: als pragmatische Strategie, die Verwaltungsfähigkeit und Teilhabe unter knappen Ressourcen stärkt und stabilisiert. Digitalisierung wird dabei vor allem eingesetzt, um Prozesse zu entlasten und kommunale Handlungsfähigkeit zu sichern. Smart-City-Projekte werden entsprechend über Stabilisierung begründet – etwa über Servicequalität, Steuerungsfähigkeit, Transparenz und Beteiligung. Wirkung entfalten sie vor allem dann, wenn Betrieb, Zuständigkeiten und Datenpflege von Beginn an dauerhaft organisiert werden und nicht im Pilotstatus verbleiben.

 

„Wir erwarten nicht, dass digitale Projekte unsere Stadt wieder wachsen lassen. Aber ohne sie könnten wir viele Aufgaben schlicht nicht mehr bewältigen.“ Smart-City-Projektmitarbeiter aus dem Ruhrgebiet

Die soziale Falle: WLAN allein macht keine gerechte Stadt

Ein blaues Schild zeigt einen ELAN-Hotspot an
Digitale Infrastrukturen werden häufig zuerst in aufgewerteten oder zentralen Quartieren installiert, während sozial benachteiligte Stadtteile oft außen vor bleiben. adobe.stock.com - Aleksandr Fedosov

Ein weiterer Befund betrifft eine verbreitete Fehleinschätzung: Digitale Angebote wirken nicht automatisch inklusiv, auch dann nicht, wenn sie kostenlos bereitgestellt werden. In Kommunen mit ausgeprägten sozialen Disparitäten können Smart-City-Maßnahmen Ungleichheiten sogar verstärken. Etwa wenn Projekte zuerst dort umgesetzt werden, wo bereits mehr Ressourcen und Kompetenzen vorhanden sind.

Ein typisches Beispiel dafür sind öffentliche WLAN-Hotspots. Ihre Nutzung hängt nicht nur von technischer Verfügbarkeit ab, sondern auch von Endgeräten, digitalen Grundkompetenzen sowie vom Wissen um ihren Nutzen. Hinzu kommt eine räumliche Dimension, da digitale Infrastrukturen häufig zuerst in aufgewerteten oder zentralen Quartieren installiert werden, während sozial benachteiligte Stadtteile oft außen vor bleiben.

Ob Smart-City-Projekte erfolgreich sind, entscheidet sich weniger an der technischen Komplexität als an der sozialen Anschlussfähigkeit und Barrierefreiheit. Meine Untersuchung zeigt:

  • Nachhaltig wirken Projekte, wenn sie in bestehende soziale Einrichtungen eingebettet sind (zum Beispiel über Orte und Angebote in Bibliotheken oder Quartierszentren).
  • Ohne diese Einbettung verlieren sie nach Ende der Förderung schnell an Akzeptanz.
  • Die Bevölkerung ist das zentrale Handlungsfeld: Digitale Kompetenz und niedrigschwellige Zugänge sind entscheidender als der reine Infrastrukturausbau.

 

Digitale Inklusion beginnt nicht mit WLAN, sondern mit sozialen Orten, vertrauenswürdigen Akteuren und kontinuierlicher digitaler Kompetenzvermittlung.“ NGO-Mitarbeiterin, Rust Belt, USA

Governance: Was Ruhrgebiet und Rust Belt voneinander lernen können

Der Vergleich zeigt: Die Governance-Architektur entscheidet über den langfristigen Erfolg von Smart-City-Projekten. Meine Gespräche mit Verwaltungsmitarbeitenden haben immer wieder verdeutlicht, dass Deutschland und die USA unterschiedliche Herangehensweisen verfolgen – und dass gerade diese Unterschiede wichtige Lerneffekte eröffnen.

  • Der integrierte (strategische) Weg 
    In vielen deutschen Kommunen ist Smart City fest in übergeordnete Stadtentwicklungsstrategien und Förderprogramme eingebunden. Diese institutionelle Verankerung schafft politische Legitimation, Planungssicherheit und mittelfristig verlässliche Ressourcen. Gleichzeitig ist diese Form der Steuerung oft schwerfällig. Auf kurzfristige Entwicklungen reagiert sie nur begrenzt. Für Experimente außerhalb etablierter Verwaltungslogiken bleibt wenig Raum.
     
  • Der agile (multi-organisatorische) Weg 
    Im US-amerikanischen Kontext entstehen Smart-City-Projekte dagegen häufig „Bottom-up“ durch Universitäten, Stiftungen, zivilgesellschaftliche Initiativen oder Public-private-Partnerships. Der Vorteil daran ist, dass neue Lösungen schnell, flexibel und experimentell umgesetzt werden können, ohne dass die Kommune diese finanzieren muss. Der Nachteil ist, dass viele Projekte räumlich fragmentiert bleiben, zeitlich begrenzt sind und stark von einzelnen (privaten) Akteuren oder wirtschaftlichen Interessen abhängen. Eine öffentliche, demokratische Kontrolle findet kaum statt. 

Keines der Modelle ist für sich genommen ausreichend. Erfolgreich sind hybride Ansätze. Ein zukunftsfähiges Governance-Modell funktioniert dann, wenn:

  • die öffentliche Hand strategische Ziele und soziale Leitplanken setzt,
  • agile, intermediäre Organisationen (beispielsweise städtische Projektgesellschaften) die Umsetzung übernehmen und
  • die Zivilgesellschaft systematisch eingebunden wird.

Smart City entwickelt sich so weg vom reinen Verwaltungsprojekt hin zu einem kooperativen Steuerungsmodell.

Wichtige Erkenntnisse: Digitalisierung transformiert unsere Werkzeuge

Ohne digitale Verwaltungsfähigkeit, Datenkompetenz, Beteiligungsformate und sozial eingebettete digitale Grundbildung wird es für strukturschwache Kommunen jedoch zunehmend schwer, ihre Kernaufgaben zu erfüllen und den Strukturwandel zu gestalten.

Smart City ist daher ein pragmatisches Werkzeug, das Städte trotz knapper Ressourcen handlungsfähig, fair und zukunftsfähig hält. Viele der beschriebenen Herausforderungen spiegeln sich auch in den Modellprojekten Smart Cities wieder.

Der Blick strukturschwacher Städte verändert den Umgang mit Smart City: Sie ersetzt keine Stadtentwicklung, kann Kommunen im Strukturwandel jedoch unterstützen, wenn sie als Querschnittsinstrument verstanden wird, das physische, soziale und institutionelle Eingriffe verbindet.

Drei Lessons Learned

  1. Verstetigung statt „Projektitis“: Digitale Stadtentwicklung braucht dauerhafte Strukturen in der Verwaltung, keine kurzfristigen Strohfeuer, die mit dem Ende der Förderung erlöschen. Auch wenn die Finanzierung herausfordernd ist, zahlt sich institutionelle Verankerung mittel- bis langfristig aus.
  2. Sozialraumorientierung: Digitale Dienste müssen sich an realen Bedarfen der Menschen vor Ort orientieren, nicht an technologischen Machbarkeiten oder möglichen Fördertöpfen.
  3. Vernetzung: Kooperation zwischen Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft eröffnet neue Handlungsspielräume.

 

„Ein Blick über den Tellerrand lohnt sich immer. Dieser muss jedoch nicht zwingend über den Atlantik führen. Oft reicht schon der Austausch mit Nachbarkommunen, um das Rad nicht neu erfinden zu müssen, sondern bewährte Lösungen klug für die eigenen lokalen Herausforderungen zu adaptieren.“ (Jakob Schackmar, 2026)

Literaturhinweise und Leselinks

Alle Angaben beruhen auf den Ergebnissen der noch unveröffentlichten Dissertation von Jakob Schackmar mit dem Titel: „Smart City als Revitalisierungsstrategie für strukturschwache und schrumpfende Großstädte: Untersuchung von Fallbeispielen in den USA und Deutschland.“ (geplante Publikation April 2026). 

Die Smart City Gelsenkirchen ist zentral gesteuert durch die Kommune: https://www.gelsenkirchen.de/de/stadtprofil/stadtthemen/die_vernetzte_stadt/_modellprojekt_gelsenkirchen_die_vernetzte_stadt.aspx
weitere Open Data Ansätze von Gelsenkirchen https://gelsenkirchen.opendata.ruhr

Die Smart City Cincinnati wird nicht primär durch die Kommune gesteuert, sondern durch eine Vielzahl öffentlicher und privater lokaler Akteure. Diese sind unter anderem:

Autorinnen und Autoren

Jakob Schackmar

Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)
Referat RS 5 „Digitale Stadt, Risikovorsorge und Verkehr“
Tel.: +49228994012153