Eine Frau und Mann stehen vor einem großen Bildschirm auf dem der urbane digitale Zwilling von Kirchheim bei München zu sehen ist.
Smartheim“-Projektleiterin Sibylle Wartlick und Marc-Christian Hodapp, Mitgründer von Urbanistic DLR / Tobias Hartmann

Smart City trifft Start-up

26.03.2026

Hinter vielen Smart-City-Lösungen der Modellprojekte Smart Cities stehen junge Unternehmen mit neuen Ideen und Arbeitsweisen. Wir blicken auf drei Beispiele: die Urbanistic GmbH, die den digitalen Zwilling für Kirchheim bei München entwickelt hat, die mendigital GmbH als kommunales Start-up und die Hypertegrity AG, die sich auf urbane Datenplattformen spezialisiert hat.

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Gründergeist in der Verwaltung: Wie Urbanistic und „Smartheim“ agil einen digitalen Zwilling entwickelten 

Im Modellprojekt Smart Cities „Smartheim“ hat die Gemeinde Kirchheim bei München gemeinsam mit der Urbanistic GmbH, einem 2021 gegründeten Unternehmen für datenbasierte Stadtentwicklung, einen digitalen Zwilling für die Stadtplanung entwickelt. Das 3D-Modell unterstützt Verwaltungsprozesse, politische Entscheidungen und Beteiligungsformate durch eine datenbasierte Visualisierung.

Auf dem Weg mussten einige Hürden überwunden werden, am Ende zahlte sich vor allem das Zusammenspiel unterschiedlicher Arbeitslogiken aus. Davon ist „Smartheim“-Projektleiterin Sibylle Wartlick überzeugt: „Die Kooperation mit der flexiblen Vorgehensweise und dem innovativen Potenzial eines Start-ups mit den klassischen Strukturen und Anforderungen einer Verwaltung war eine echte Bereicherung und ein Push für alle Beteiligten.“ 

Die Zusammenarbeit verlief von Beginn an dynamisch. Das ursprünglich geplante Konsortium veränderte sich im Laufe des Projekts, Anforderungen wurden geschärft, Lösungen iterativ entwickelt. „Wo es genau hinging, hat sich erst im Prozess definiert. Das war agil, aber auch manchmal turbulent“, beschreibt Marc-Christian Hodapp, Mitgründer von Urbanistic, die Anfangsphase.

Dabei zeigte sich auch, dass sich Erfahrungen aus der Privatwirtschaft nicht ohne Weiteres auf die Zusammenarbeit mit Verwaltungen übertragen lassen. „Die Abhängigkeit von politischen Entscheidungen habe ich unterschätzt“, so Hodapp. Umso wichtiger sei ein aktives Change Management: „Man braucht jemanden, der den Drive ins Projekt bringt.“ Eine weitere Herausforderung waren die im Förderkontext verankerten Open-Source-Vorgaben. Gleichzeitig hebt Hodapp deren Beitrag zur Transparenz und Übertragbarkeit positiv hervor.

Durch die Zusammenarbeit mit Urbanistic und anderen Start-ups wehte etwas Gründergeist durch die Verwaltung.
Sibylle Wartlick, Leiterin des Referats für Wirtschaftsförderung und Mobilität in Kirchheim
 

Das Beispiel Kirchheim macht deutlich: Smart City entsteht nicht allein durch Technologie – sondern dort, wo Verwaltung und Start-ups lernen, ihre unterschiedlichen Logiken produktiv zusammenzubringen. 

"Wir glauben daran, dass Digitalisierung im öffentlichen Sektor echten gesellschaftlichen Mehrwert schaffen kann": Drei Fragen an Michael Gollan, Vorstand der Hypertegrity AG

6 Personen auf einem Panel
Wie gelingt der Sprung vom Pilot zur dauerhaften Lösung? Das KTS-Panel (v.l.n.r.) mit Renate Mitterhuber (BMWSB), Robin Eisbach (MPSC "5 für Südwestfalen"), Michael Gollan (Hypertegrity), Steffen Hess (KTS/IESE), Christiane Lehmann (PwC), sowie Moderatorin Susanne Schöne. DLR

Die 2020 gegründete Hypertegrity AG aus Paderborn bezeichnet sich selbst als junges „GovTech-Unternehmen“. Im Rahmen der Modellprojekte Smart Cities arbeitet Hypertegrity mit verschiedenen Kommunen und Projektverbünden zusammen, darunter etwa die Smart City Aalen-Heidenheim sowie das Südwest-Cluster. Im Fokus: die Entwicklung urbaner Datenplattformen. 

Was unterscheidet eure Zusammenarbeit mit Kommunen im Smart-City-Kontext von anderen Kundenbeziehungen?
Gollan: Die Modellprojekte Smart Cities haben einen klaren Innovationsauftrag. Dadurch entsteht ein Umfeld, in dem neue Ansätze und Technologien bewusst erprobt werden. Das unterscheidet diese Projekte von vielen klassischen kommunalen IT-Vorhaben. Gleichzeitig erwarten Kommunen zunehmend, dass Lösungen aus den Modellprojekten auch von anderen Städten nachgenutzt werden können. Das ist eine wichtige Wirkung des Förderprogramms. 

Welche Rolle spielt Open Source für eure Arbeit?
Open Source war für uns von Anfang an ein zentraler Bestandteil unserer Strategie, weil wir ihn – zusammen mit standardisierten Schnittstellen – als wesentlichen Baustein für digitale Souveränität betrachten. Gerade im Kontext internationaler Plattformanbieter und großer nationaler Tech-Player wird es für Kommunen immer wichtiger, technologische Kontrolle zu behalten.

Mit unserer Urban Data Space Platform entwickeln wir deshalb eine offene Plattform, die von vielen Kommunen gemeinsam genutzt und weiterentwickelt werden kann. Gleichzeitig sehen wir auch politisch und regulatorisch eine zunehmende Unterstützung für Open-Source-Ansätze. Wir unterstützen Städte bei Integration, Betrieb, Weiterentwicklung und der Umsetzung konkreter Anwendungsfälle. Dadurch entstehen einerseits ein skalierbarer Bestandteil durch den Plattformbetrieb und andererseits projektbezogene Leistungen rund um neue Anwendungen und Erweiterungen.

Welche Chancen und Herausforderungen seht ihr für Start-ups im Smart-City-Markt?
Die große Chance liegt genau in der Skalierbarkeit: Durch standardisierte Plattformen können Lösungen, die einmal funktionieren, relativ einfach in andere Kommunen übertragen werden. Gleichzeitig ist der Markt komplex, etwa durch Vergabeverfahren und Entscheidungsstrukturen. Für Start-ups, die bereit sind, sich auf diesen komplexen Markt einzulassen, entsteht dadurch eine sehr spannende Spielwiese. Und ganz ehrlich: Viele der Akteure in diesem Bereich – uns eingeschlossen – sind auch ein Stück weit Idealisten, weil wir daran glauben, dass Digitalisierung im öffentlichen Sektor echten gesellschaftlichen Mehrwert schaffen kann.
 

Wenn kommunale Smart-City-Projekte selbst zu Start-ups werden: die mendigital GmbH als Netzwerkerin, Projektentwicklerin und Think Tank

Junge Frau hält ein Schild mit der Aufschrift #teammenden
Geschäftsführerin Svenja Schönert mendigital GmbH

Die mendigital GmbH im westfälischen Menden wurde 2020 als Digital-Joint-Venture von Kommune und Stadtwerken gegründet. Ziel der Ausgründung war es, die Umsetzung der lokalen Smart-City-Strategie organisatorisch zu bündeln und zugleich neue Arbeitsweisen zu erproben.

Die Gründung als eigenständige Gesellschaft sollte vor allem eines ermöglichen: mehr Agilität. „Die Idee war, Smart-City-Projekte als eine Art Schnellboot-Projekte anzugehen, damit sie im Verwaltungsalltag nicht untergehen“, erklärt Geschäftsführerin Svenja Schönert. Gleichzeitig eröffnete die Partnerschaft mit den Stadtwerken neue Möglichkeiten, digitale Infrastrukturen und kommunale Anwendungen stärker zusammenzudenken.

mendigital begleitet Smart-City-Projekte von der Idee bis zur Fertigstellung und bringt Akteure aus Verwaltung, Wirtschaft und Stadtgesellschaft zusammen. Das Team arbeitet eng mit der Stadtverwaltung, insbesondere der Stabstelle Digitalisierung, zusammen und setzt Projekte häufig gemeinsam mit lokalen Partnern um. Ein Beispiel für den Mehrwert dieser Arbeitsweise ist der Aufbau einer kommunalen Datenplattform. mendigital fungiert dabei häufig als Türöffner und Netzwerker zwischen den beteiligten Akteuren.

Ein Vorteil dieses Arbeitsmodells zeigte sich besonders in Krisensituationen. Während des Cyberangriffs auf den kommunalen IT-Dienstleister „Südwestfalen IT“ im Jahr 2023 waren viele Verwaltungen in der Region zunächst mit der Wiederherstellung des Basisbetriebs beschäftigt. „In der mendigital konnten wir die Smart-City-Projekte weiter vorantreiben, da wir unsere eigene IT-Infrastruktur haben.“ Der Fall zeigt, dass organisatorisch getrennte Strukturen in bestimmten Situationen auch Handlungsspielräume eröffnen können, vor allem wenn es um zeitlich begrenzte Fördermittel geht.

Die organisatorische Trennung bringt jedoch auch Herausforderungen mit sich. Da die Stadt Menden Fördermittelempfängerin ist, laufen viele Prozesse – etwa Vergaben, Fördermittelabrufe oder Beschlüsse –weiterhin über die Stadtverwaltung. „Die Projekte gehen letztlich durch doppelt so viele Hände und Köpfe“, so Svenja Schönert. Der Abstimmungs- und Synchronisierungsaufwand zwischen GmbH und Verwaltung sei entsprechend hoch.

Gleichzeitig ermöglicht die Struktur neue Perspektiven auf Verwaltungsprozesse. Als externere Einheit könne mendigital neue Ideen aufgreifen und Impulse für Veränderungen setzen. „Wir strecken unsere Fühler aus, um neue Ansätze aufzuschnappen und frei zu denken.“ Durch gezieltes Vorleben dieser Arbeitsweisen – etwa durch gemeinsame Raumnutzungen – soll dies langsam, aber nachhaltig in die Stadtverwaltung hineinwirken. 
 

Kontakt

Dorothee Fricke

DLR Projektträger
Chefredaktion KTS; Redaktion Smart City Dialog / Newsletter Praxiswissen
Tel.: +4922838211775