Drei Einsatzkräfte in Uniform des Deutschen Roten Kreuzes von hinten auf einer Kirmes
Die in Lemgo entwickelte Echtzeitortung von Einsatzkräften hilft besonders ehrenamtlichen Strukturen dabei, Einsätze schneller und effizienter zu steuern. Alte Hansestadt Lemgo

So wird digitale Daseinsvorsorge im ländlichen Raum wirksam

19.05.2024

Damit digitale Lösungen wirken, kommt es darauf an, dass sie im Alltag der Menschen ankommen. Erfahrungen aus fünf Kommunen zeigen: Entscheidend sind nicht die Technik, sondern ihre Einbettung, hybride Orte und Beteiligung. Lokale Bedarfe, Zusammenarbeit und schrittweise Entwicklung machen den Unterschied.

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Digitale Ansätze zur Daseinsvorsorge sind in vielen Kommunen inzwischen fester Bestandteil, insbesondere in den Bereichen Gesundheit und Versorgung. Besonders wichtig sind diese im ländlichen Raum, wo Wege länger, Angebote weniger dicht und Ressourcen oft knapper sind. Doch die Praxis zeigt: Die Einführung digitaler Lösungen allein reicht nicht aus. Ihr Nutzen und ihre Akzeptanz entstehen erst dann, wenn sie im Alltag der Menschen wirklich ankommen und selbstverständlich genutzt werden. Aus der Praxis kommunaler Projekte stellt sich daher die Frage, welche Faktoren dazu beitragen, dass digitale Angebote von der Bevölkerung tatsächlich wahrgenommen und genutzt werden.

Was ist digitale Daseinsvorsorge?

Digitale Daseinsvorsorge bezeichnet den gezielten Einsatz digitaler Technologien, Infrastrukturen und Angebote, um grundlegende Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung, Mobilität, Bildung und Nahversorgung zu sichern und weiter zu entwickeln. Ziel ist es, gleichwertige Lebensverhältnisse zu fördern und die Teilhabe aller Menschen zu stärken, unabhängig davon, wo sie leben. 

Für diesen Blogbeitrag haben wir mit Menschen aus fünf Modellprojekten Smart Cities (MPSC) gesprochen und sie gefragt: Was trägt aus Ihrer Sicht dazu bei, dass Projekte von der Bevölkerung wahrgenommen und genutzt werden?

Näher angeschaut haben wir uns dafür folgende fünf MPSC-Maßnahmen: 

  • Im Landkreis Sankt Wendel und im Landkreis Kusel bündeln digitale Gesundheits- und Pflegeplattformen lokale Angebote und machen diese über interaktive Karten und Filter leicht zugänglich. So finden Bürgerinnen und Bürger schneller passende Unterstützungsangebote – gleichzeitig verbessert die Plattform die Vernetzung und Koordination der Akteure vor Ort. 
  • Der hybride Dorfladen in Borgholz im Landkreis Höxter zeigt, wie Nahversorgung heute neu gedacht werden kann: Durch das neue Zugangssystem ist ein Einkauf auch außerhalb klassischer Öffnungszeiten möglich.  
  • Im Landkreis Gießen ist mit dem „BERD“ ein multifunktionaler Lern- und Begegnungsort entstanden. „BERD“ steht für „bewegen, erleben, reden und denken“. Durch die enge Zusammenarbeit der lokalen Volkshochschule, eines Basketballvereins und eines Handwerksbetriebs wächst hier ein Ort, der dauerhaft genutzt wird und ganz unterschiedliche Menschen zusammenbringt – ob in der Digitalwerkstatt, auf dem SpeedCourt oder in der VR-Arena.
  • In Lemgo kommt eine kartenbasierte Anwendung zur Koordination von Einsatzkräften zum Einsatz. Sie ermöglicht eine Echtzeitortung der Einsatzkräfte und hilft besonders ehrenamtlichen Strukturen dabei, Einsätze schneller und effizienter zu steuern. 
  • Der DigiFit-Parcours im Landkreis Kusel, ein digital unterstützter Bewegungsparcours, bringt Gesundheitsförderung direkt in den öffentlichen Raum: Mit interaktiven Trainingshilfen via QR-Code wird Bewegung niedrigschwellig in den Alltag integriert. So können Menschen eigenständig und zeitlich flexibel gesundheitsbezogene Aktivitäten in den Alltag integrieren.

Sechs zentrale Erfolgsfaktoren

Stand zur Gesundheitsplattform des Landkreises Sankt Wendel auf einer Veranstaltung
Stand zur Gesundheits- und Pflegeplattform im Landkreis Sankt Wendel Landkreis Sankt Wendel

1. Projekte in bestehende Strukturen einbetten

Entscheidend für den Erfolg der fünf Beispiele ist, dass sie Lösungen nicht parallel zu bestehenden Strukturen aufgebaut haben, sondern diese gezielt einbeziehen und erweitern. Bürgerinnen und Bürger nutzen Angebote vor allem dann, wenn sie an bereits etablierte Angebote, lokale Traditionen, Gewohnheiten und Routinen anknüpfen. Gerade im ländlichen Raum ist das besonders wichtig, da bestehende Netzwerke, persönliche Kontakte und gewachsene Strukturen eine zentrale Rolle für Vertrauen und Informationsweitergabe spielen. Dies betrifft sowohl analoge Strukturen, etwa Beratungsstellen, Vereine oder bestehende Treffpunkte, als auch bestehende digitale Kommunikationskanäle. Die Einbindung lokaler Akteure trägt zusätzlich dazu bei, Inhalte aktuell zu halten und die Verlässlichkeit der Informationen zu sichern. Gleichzeitig erhöht sie die Reichweite der Angebote, da bestehende Netzwerke zur Verbreitung genutzt werden können. 

Sichtbarkeit entsteht damit nicht allein durch die Bereitstellung einer digitalen Anwendung, sondern durch deren konsequente Integration in bestehende Kommunikations- und Versorgungsstrukturen. Das bedeutet zum Beispiel auch, auf lokalen Veranstaltungen präsent zu sein, die digitalen Anwendungen zu erklären, ihnen aber auch durch persönliche Kontakte „ein Gesicht“ zu geben. In St. Wendel hat sich dieser Ansatz als Erfolgsfaktor für die Gesundheits- und Pflegeplattform erwiesen. 

Die Lösung aus dem Modellprojekt Sankt Wendel kommt mittlerweile auch in den Landkreisen Wunsiedel und Kusel zum Einsatz. Der Landkreis Kusel kooperierte beim Aufbau mit dem lokalen „Netzwerk für das Alter“. Das zeigt, so berichtet eine Projektmitarbeiterin: „Die Kommune kümmert sich.“

Zu sehen ist eine Halle mit einem Speedcourt, einem interaktiven Mess- und Trainingssystem. Auf dem Boden sind rote Farbflächen mit Sensoren, an der Wand ein Bildschirm. Im Hintergrund sind weitere Trainingsgeräte zu sehen.
Ein Highlight im BERD ist ein Speedcourt, ein spezielles Trainingssystem zur Verbesserung von Schnelligkeit, Reaktion und kognitiven Fähigkeiten. Es besteht aus einem markierten Feld mit Sensoren, die Bewegungen erfassen, und wird vor allem im Sport und in der Rehabilitation eingesetzt. Landkreis Gießen

2.    Hybride Orte und Mehrfachnutzungen ermöglichen

Die Kombination aus digitalen und physischen Angeboten erweist sich in unseren Beispielen als besonders wirksam. Digitale Lösungen entfalten ihre Wirkung insbesondere dann, wenn sie in einen konkreten Nutzungskontext eingebettet sind. Digitale Lösungen sind vor allem dann erfolgreich, wenn sie mit konkreten Orten und Angeboten vor Ort verbunden werden. Solche hybriden Angebote verbinden digitale Funktionen mit persönlichen Begegnungen und schaffen so niedrigschwellige Zugänge für unterschiedliche Zielgruppen.

Orte wie Makerspaces oder Digitallabore, sogenannte Ankerorte des digitalen Wandels, können als Anlaufstellen für den digitalen Wandel dienen. Je nach Bedarf bieten sie Angebote für verschiedene Alters- und Bevölkerungsgruppen. Wenn die Orte mehrfach genutzt werden, steigt ihre Auslastung und sie werden im Alltag sichtbarer und bekannter. Gerade in ländlichen Regionen sind solche multifunktionalen Orte wichtig. Sie bündeln verschiedene Angebote an einem Standort, verkürzen Wege und erleichtern den Zugang für Bürgerinnen und Bürger. 

Wenn unterschiedliche Angebote an einem Ort gebündelt auftreten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Bürgerinnen und Bürger „nebenbei“ auch andere Aktivitäten kennenlernen und diese zukünftig nutzen. Im Dorfladen in Borgholz zeigt sich das an den digitalen Self-Service-Kassen: Sie zu bedienen war zu Beginn für viele Kundinnen und Kunden eine neue Erfahrung und bedurfte vieler Erklärungen. Aber es lohnt sich: „Wir haben deutlich mehr Kundinnen und Kunden, die sich dann mal abends oder samstags zutrauen, das System alleine zu bedienen“, berichtet der Inhaber des Ladens. 

Gleichzeitig können durch Kooperationen mit privaten oder zivilgesellschaftlichen Trägern Kosten geteilt und Angebote wirtschaftlich stabiler betrieben werden. Im Landkreis Gießen haben sich daher ein lokales Handwerksunternehmen, die Volkshochschule und ein Sportverein zusammengeschlossen, um den Zukunftsort „BERD“ gemeinsam aufzubauen und zu tragen – mit Erfolg: Das MPSC hat so eine langfristige Mietlösung gefunden und die hohe Auslastung zeigt das Interesse der Bevölkerung an den vielfältigen Angeboten. 

3. Schrittweise vorgehen und Erfahrungen systematisch nutzen

Digitale Projekte sind in der Umsetzung häufig mit Unsicherheiten verbunden – vor allem, wenn es darum geht, ob die angestrebten Zielgruppen tatsächlich erreicht werden und Angebote im Alltag auch wirklich genutzt werden. In der Praxis zeigt sich jedoch: Ein schrittweises Vorgehen zahlt sich aus. Werden Maßnahmen zunächst im kleineren Rahmen erprobt, lassen sich frühzeitig Erfahrungen sammeln, Wirkungen evaluieren und Angebote gezielt weiterentwickeln.

Genau das hat sich auch in Lemgo bei der smarten Einsatzkräfteortung gezeigt. Die Anwendung wurde ursprünglich für das lokale Fest „Kläschen“ entwickelt und dort unter realen Bedingungen getestet. Auf Basis dieser Erfahrungen konnte das MPSC sein System weiter verbessern und für eine breitere Nutzung freigeben. Mittlerweile wird die Lösung bereits mehrfach nachgenutzt – nicht zuletzt, weil sich die dafür benötigte Soft- und Hardware unkompliziert über einen Gerätekoffer ausleihen lässt. 

Diese Beispiele zeigen, wie wichtig es ist, Erfahrungen systematisch auszuwerten und für die Weiterentwicklung zu nutzen. Dafür braucht es Offenheit für Anpassungen im laufenden Prozess. Gleichzeitig können Ressourcen gezielter eingesetzt und Fehlentwicklungen früh erkannt werden. Skalierung ist dabei kein einmaliger Schritt, sondern ein fortlaufender Prozess: Maßnahmen werden anhand praktischer Erfahrungen weiterentwickelt und schrittweise auf andere Kommunen oder Kontexte übertragen – immer orientiert an den Bedarfen vor Ort.

4. Standortentscheidungen gezielt treffen und Nutzende einbeziehen

Auch bei digital gestützten Maßnahmen bleibt der Standort ein entscheidender Faktor für die Nutzung. Insbesondere bei hybriden Angeboten beeinflusst die räumliche Lage maßgeblich, ob und von wem ein Angebot wahrgenommen wird. Besonders erfolgreich waren Projekte an Orten, die bereits regelmäßig frequentiert wurden. Dazu zählen beispielsweise zentrale Lagen, bestehende Einrichtungen oder Orte mit hoher Alltagsrelevanz. Im ländlichen Raum ist dies von besonderer Bedeutung, da es weniger zentrale Treffpunkte gibt und die gezielte Wahl gut erreichbarer, bekannter Orte maßgeblich über die Nutzung entscheidet. Die frühzeitige Einbindung potenzieller Nutzerinnen und Nutzer in die Standortentscheidung trägt dazu bei, Bedarfe besser zu verstehen und Fehlplanungen zu vermeiden. Gleichzeitig kann so sichergestellt werden, dass Angebote tatsächlich an den Lebensrealitäten der Bevölkerung ausgerichtet sind. Die Beteiligung stärkt zudem die Akzeptanz und kann dazu beitragen, dass neue Angebote schneller angenommen werden. 

Eine Einsatzkraft des DRK sitzt vor einem Bildschirm mit der Einsatzkräfteortung
Alte Hansestadt Lemgo

5.    Ehrenamt gezielt unterstützen und entlasten

Ehrenamtliche Strukturen sorgen in vielen Kommunen dafür, dass Angebote überhaupt erst zuverlässig vorgehalten werden und funktionieren. Dies gilt insbesondere für den ländlichen Raum, wo viele Angebote ohne ehrenamtliches Engagement nicht aufrechterhalten werden könnten. Gleichzeitig sind diese Strukturen häufig durch begrenzte zeitliche und personelle Ressourcen geprägt. Digitale Lösungen können dazu beitragen, ehrenamtliche Arbeit zu unterstützen, indem sie Abläufe vereinfachen und die Organisation erleichtern. 

Ein sehr gutes Beispiel ist die „Smarte Einsatzkräfteortung“ aus Lemgo: Initiiert hat das Projekt der Ortsverband des Deutschen Roten Kreuzes aus einem konkreten Bedarf heraus und es gemeinsam mit dem Smart-City-Team weiterentwickelt. Die technische Umsetzung erfolgte durch ein lokales Start-up. Als wesentlich für den Erfolg des Projekts erwies sich, dass es konsequent aus der Perspektive der Nutzenden entwickelt wurde und sich gut in bestehende Abläufe integrieren ließ. Nur wenn die Perspektive der Nutzenden einbezogen wird, ein tatsächlicher Mehrwert im Alltag erkennbar ist, werden digitale Anwendungen im Ehrenamt dauerhaft genutzt. In diesem Zusammenhang hat Digitalisierung in Lemgo dazu beitragen, Engagement attraktiver zu machen und neue Zielgruppen zu erreichen.

6. Zusammenarbeit und Vernetzung als Grundlage

Die Umsetzung digitaler Projekte erfolgt in der Regel im Zusammenspiel verschiedener Akteure. Neben der kommunalen Verwaltung sind häufig zivilgesellschaftliche Initiativen, Unternehmen, Bildungseinrichtungen und weitere Partner beteiligt. Eine enge Zusammenarbeit ermöglicht es, unterschiedliche Ressourcen und Kompetenzen zusammenzuführen und Projekte breiter aufzustellen. Das zeigt sich besonders bei der Einbeziehung der Gesundheitsakteure bei den oben genannten Gesundheitsplattformen. Gleichzeitig erhöht sie die Anschlussfähigkeit der Maßnahmen, da verschiedene Stakeholder, Zielgruppen und Perspektiven frühzeitig berücksichtigt werden. Darüber hinaus kann auch die Zusammenarbeit zwischen Kommunen zur Steigerung der Effizienz beitragen, etwa durch die gemeinsame Nutzung bestehender Lösungen oder den Austausch von Erfahrungen. Dies reduziert den Entwicklungsaufwand und erleichtert die Übertragbarkeit erfolgreicher Ansätze.

Fazit: Erfolgreich im Zusammenwirken

Wie erzeugen digital gestützte Angebote zur Daseinsvorsorge also Mehrwerte für die Bevölkerung? Die Erfahrungen aus den fünf Kommunen zeigen: Entscheidend sind nicht allein die technische Lösung, sondern ihr Zusammenspiel mit lokalen Rahmenbedingungen und kommunaler Initiative.

Gerade für ländliche Räume zeigen die Beispiele, dass digitale Lösungen dann erfolgreich sind, wenn sie nicht isoliert gedacht werden, sondern gezielt an bestehende Strukturen, Orte und Engagement anknüpfen. Digitale Projekte werden vor allem dann sichtbar und wirksam, wenn sie in bestehende Strukturen eingebettet sind, an Alltagsroutinen anknüpfen und gemeinsam mit relevanten Akteuren sowie der Bevölkerung entwickelt und weitergedacht werden. Ihre Wirkung entfalten sie dabei nicht auf einen Schlag, sondern im Rahmen eines kontinuierlichen Entwicklungsprozesses, der sich an realen Bedarfen orientiert. Für Kommunen ergibt sich daraus eine klare Orientierung: Erfolgreiche digitale Daseinsvorsorge entsteht dort, wo technische Möglichkeiten, lokale Gegebenheiten und engagierte Akteure gezielt zusammenwirken.

 

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung der Autorin oder des Autors wieder.

Autorinnen und Autoren

Anne-Marie Kilpert

Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE)
Forschungscluster der Koordinierungs- und Transferstelle Modellprojekte Smart Cities
Tel.: +4963168002111

Lilly Schnell

Deutsches Institut für Urbanistik
KTS; Referentin & Begleitforschung
Tel.: +493039001278

Dr. Karoline Krenn

Deutsches Institut für Urbanistik |Difu
Fachbereich Infrastruktur, Wirtschaft und Finanzen; Wissenschaftliche Mitarbeiterin