Jugendliche malen ein Plakat
Akzeptanz als Schlüssel zur Kreislaufwirtschaft Karolina Grabowska - Pexels

Akzeptanz als Schlüssel zur Kreislaufwirtschaft

19.02.2026

Kreislaufwirtschaft im Sinne der „Circular Economy“ gilt als zentraler Baustein für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Sie schont Ressourcen, reduziert Emissionen, stärkt regionale Wertschöpfung und soziale Teilhabe. Oft scheitert die alltägliche Umsetzung jedoch nicht an der technischen Machbarkeit, sondern an der Akzeptanz in der Bevölkerung. Sie entscheidet darüber, ob Menschen tauschen statt neu zu kaufen, reparieren statt zu entsorgen oder Materialien recyclen statt sie wegzuwerfen. Digitale Lösungen können genau hier ansetzen und zum Beispiel Stoffströme sichtbar machen, Nutzungshürden senken und neue Wege der Bewusstseinsbildung eröffnen.

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Eine Kreisgrafik
Schema der systemischen Kreislaufwirtschaft auf Grundlage der MacArthur Foundation. BMWSB, 2023

Seit Ende 2024 hat Deutschland mit der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) erstmals einen umfassenden strategischen Rahmen für den Übergang von einer linearen zu einer zirkulären Wirtschaftsweise festgesetzt. Kreislaufwirtschaft wird dabei – im Sinne des EU-Aktionsplans zur Circular Economy (CEAP) – nicht mehr nur als Abfallvermeidung und Recycling verstanden, sondern als ganzheitlicher Ansatz über alle Phasen der Wertschöpfung hinweg: von der Produktgestaltung und Produktion über Nutzung, Reparatur und Wiederverwendung bis hin zur Rückführung sekundärer Rohstoffe in den Wirtschaftskreislauf (vgl. BMUV 2024; BMWSB, 2023). Die in Wissenschaft und Politik häufig genutzte Definition der Ellen MacArthur Foundation beschreibt die Circular Economy als ein regeneratives, systemisches Wirtschaftsmodell, das Abfälle bereits durch gutes Design vermeidet und biologische sowie technische Stoffkreisläufe konsequent schließt. Kreislaufwirtschaft wird damit nicht nur als Ziel verstanden, sondern auch als konkreter Lösungsansatz für Klimaschutz und Ressourcenschonung.

Technisch sind viele Lösungen längst verfügbar – von der Wasserwiederverwendung über Reparatur- und Sharingmodelle bis hin zu digitalen Materialplattformen. Doch über den Erfolg entscheidet nicht allein die Technik, sondern auch die gesellschaftliche Akzeptanz. Bürgerinnen und Bürger müssen umdenken und einen ressourcenschonenden Lebensstil in ihren Alltag integrieren. 

 

„Nur wenn die Idee der Kreislaufwirtschaft in der Mitte der Gesellschaft ankommt, kann sie ihr volles Potenzial entfalten“ (Bertelsmann-Stiftung, 2025).

 

Genau hier können digitale Werkzeuge einen wesentlichen Beitrag leisten und die Brücke zwischen technischen Lösungen, kommunalen Strukturen und den Menschen vor Ort schlagen.

Wasser als sensibelstes Beispiel: BOOST-IN und die Akzeptanz von Wasserwiederverwendung

Kaum ein Bereich der Kreislaufwirtschaft ist gesellschaftlich so sensibel wie die Wasserwiederverwendung. Obwohl sie technisch erprobt, sicher und angesichts zunehmender Trockenperioden dringend erforderlich ist, stößt sie in der Bevölkerung noch immer auf Vorbehalte. Wasser ist ein emotionales Gut, eng verknüpft mit Fragen von Gesundheit und Hygiene. Genau hier setzt das EU-Projekt BOOST-IN an: Im Mittelpunkt steht nicht allein die technische Umsetzung, sondern vor allem die gesellschaftliche Akzeptanz von Wasserwiederverwendung. BOOST-IN („Boosting the uptake of innovative solutions in the context of water and circular economy”) wird mit knapp 1,8 Millionen Euro im Rahmen des Horizon-Europe-Programms der Europäischen Union gefördert und von insgesamt zwölf Partnerorganisationen, darunter das KWB Kompetenzzentrum Wasser Berlin gGmbH, umgesetzt. 
 

Ein Bach
Kaum ein Bereich der Kreislaufwirtschaft ist gesellschaftlich so sensibel wie die Wasserwiederverwendung. Steve DiMatteo - Unsplash

BOOST-IN zeigt, dass transparente und kontinuierliche Kommunikation, nachvollziehbare Erläuterungen von Prozessen und frühzeitige Beteiligungsmöglichkeiten das Vertrauen in die Wasserwiederverwendung stärken (vgl. BOOST-IN, 2025). Wenn Bürgerinnen und Bürger nachvollziehen können, wo und wie Wasser aufbereitet, wie es verwendet wird und welchen ökologischen Nutzen dies bringt, entstehen Vertrauen und Akzeptanz. Zur Verbreitung der innovativen Lösungen zur Wasserwiederverwendung nutzt BOOST-IN zudem die digitale Vernetzungs- und Informationsplattform „Water Europe Marketplace“. Sie unterstützt diesen Prozess, indem sie Stakeholder vernetzt, Informationen zugänglich macht und zur Marktintegration innovativer Lösungen beiträgt.

Akzeptanz als Gelingensbedingung für die Kreislaufwirtschaft

Was für den sensiblen Bereich Wasser gilt, lässt sich auch auf andere Felder der Kreislaufwirtschaft übertragen: Ob Menschen tauschen statt neu zu kaufen, reparieren statt zu entsorgen oder Materialien recyclen statt sie wegzuwerfen, hängt maßgeblich vom Faktor Akzeptanz ab. Entscheidend sind positive, alltagstaugliche Erzählungen, die sich vom Narrativ des Verzichts lösen und den Gedanken des gemeinsamen Wertschaffens in den Vordergrund stellen. Digitale Lösungen können dabei eine Schlüsselrolle spielen, indem sie Stoffströme sichtbar machen, Nutzungshürden senken, niedrigschwellige Informationsangebote schaffen und neue Beteiligungsformen ermöglichen. So entstehen Transparenz, Vertrauen und ein besseres Verständnis für den Mehrwert zirkulären Handelns. 

Beispiele aus den Modellprojekten Smart Cities (MPSC)

Kommunen spielen – neben Politik, Wirtschaft, Bildung und Zivilgesellschaft – eine zentrale Rolle im Übergang zur Circular Economy. Beispielsweise können sie durch kommunale Kreislaufwirtschaftsstrategien konkrete Transformationsprozesse anstoßen oder durch nachhaltige Beschaffung sowie kommunale Infrastruktur wichtige Impulse setzen. Zudem können sie ihre Nähe zur Bevölkerung nutzen, um Veränderungen direkt in den Alltag der Menschen zu tragen. Drei Beispiele aus den Modellprojekten Smart Cities zeigen, wie digitale Lösungen dabei helfen können, die Akzeptanz für eine lokale Kreislaufwirtschaft aufzubauen und gleichzeitig wertvolle Synergien für eine nachhaltige Stadtentwicklung zu schaffen.

Upcycling, Reparatur und sozialer Mehrwert: Das Upcycling- und Recyclingkaufhaus in Arnsberg

Eine Grafik
#wieneu – Das Konzept für ein kommunales Kreislaufzentrum in Arnsberg. agiplan

Mit dem Upcycling- und Recyclingkaufhaus #wieneu verbindet Arnsberg Kreislaufwirtschaft und Smart City zu einem gemeinsamen Ansatz. Geplant ist ein kommunales Zentrum, das Reparieren, Wiederverwenden, Tauschen und Leihen von Alltags- und Haushaltsgegenständen bündelt. Ein zentraler Hebel ist dabei die digitale Plattform: Sie vernetzt Bürgerinnen und Bürger mit lokalen Angeboten, Ersatzteilen und Dienstleistungen und macht vorhandene Ressourcen sichtbar. So werden Wege verkürzt, Produkte länger genutzt und Abfälle vermieden.

Neben sozialen Initiativen, Bildungsakteuren und engagierten Bürgerinnen und Bürgern bindet #wieneu gezielt Unternehmen aus der Region ein. Hersteller und Betriebe bringen ihre Produkte, ihr Know-how und ihre Perspektiven entlang der Wertschöpfungskette ein und entwickeln gemeinsam mit anderen Akteuren neue Lösungen für Reparatur, Wiederverwendung und Rückführung von Materialien. Das Projekt setzt vor allem auf soziale und wirtschaftliche Innovation: Das #wieneu soll nicht mit bestehenden Angeboten, wie zum Beispiel Second-Hand-Kaufhäusern oder Repaircafés, konkurrieren, sondern das gemeinsame Ökosystem stärken.

Die Förderung im Rahmen der REGIONALE 2025 mit der südwestfälischen DNA „Digital – Nachhaltig – Authentisch“ schafft den Raum, ökonomisch und sozial tragfähige Geschäfts- und Kooperationsmodelle zu erproben. So zeigt #wieneu, wie digitale Vernetzung, lokale Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenwirken können, um Kreislaufwirtschaft dauerhaft und smart in der Stadt zu verankern.

Gamification für Akzeptanz: Smart Waste Agency in Kassel

Einen neuen Zugang zur Kreislaufwirtschaft eröffnet in Kassel das Tabletop-Spiel „Smart Waste Agency“ (SWA). Tabletop-Spiele sind Strategiespiele, bei denen zwei oder mehrere Spieler mit Miniaturfiguren auf einer Tischplatte (englisch: tabletop) antreten. Im Gegensatz zu anderen Brettspielen werden die meisten Spiele ohne Spielfeld ausgeliefert und nutzen stattdessen die Tischplatte. Kinder und Jugendliche erleben auf diese Weise spielerisch, welche Abfallarten im Alltag anfallen und welche ökologischen Folgen ihr Handeln hat. 

Die interaktive Wissensvermittlung fördert Verständnis, motiviert und macht Kreislaufwirtschaft erfahrbar. Das Spiel ist eine Gemeinschaftsentwicklung von städtischen und gemeinnützigen Partnern. Das Besondere: Kinder und Jugendliche konnten und sollten ihre Ideen frühzeitig in das Spieldesign einbringen – vom Spielprinzip bis hin zur Gestaltung der Spielelemente. Der Innovationsprozess ist nach wie vor offen. Dritte können weitere „Müllmonster“ oder „Recycling-Werkzeuge“ entwickeln und in das Spiel integrieren. 
 

Ein Spiel mit Spielfiguren und verschiedenen Unterlagen
Das Tabletop-Spiel „Smart Waste Agency“ vermittelt Kindern und Jugendlichen auf spielerische Art, welche Abfallarten im Alltag anfallen und welche ökologischen Folgen ihr Handeln hat. Stadt Kassel

Die „Smart Waste Agency“ ist eingebettet in die MPSC-Maßnahme „Smart Waste”: Die Füllstände öffentlicher Abfallsammelbehälter werden mittels Sensoren in Echtzeit über eine Webseite sichtbar. Und eine (KI-basierte) Bilderkennungs-App, die die Smart City Wuppertal entwickelt, wird künftig auch in Kassel Bürgerinnen und Bürgern bei alltäglichen Entscheidungen helfen – etwa dabei, ob ein defekter Gegenstand repariert, ein Ersatz geliehen oder fachgerecht entsorgt werden sollte. 

Regionale Materialkreisläufe stärken: Wertschöpfungsketten in Köln

Die Stadt Köln setzt im Rahmen ihres Bürgerbeteiligungsprojektes un:box cologne die MPSC-Maßnahme „Regionale Wertschöpfungsketten” um. un:box cologne unterstützt Bürgerinnen und Bürger mit finanziellen Mitteln und Know-how dabei, ihre eigenen Ideen umzusetzen und prototypisch zu entwickeln. Zentrales Ziel der Maßnahme „Regionale Wertschöpfungsketten“ ist die digitale Vernetzung von Materialströmen. Insbesondere in der Event-, Kultur- und Bauindustrie werden Baustoffe und Materialien häufig nur einmal genutzt und anschließend entsorgt, obwohl sie weiterverwendbar wären. Auch Alltagsgegenstände wie Werkzeuge oder Küchengeräte werden selten geteilt, obwohl entsprechender Bedarf besteht.

Um Ressourcenverschwendung, klimaschädliche Emissionen und unnötige Kosten zu reduzieren, wird durch un:box cologne die Entwicklung einer digitalen Plattform gefördert, die Abgebende und Abnehmende von Materialien einfach miteinander vernetzt. Digitale Materiallisten, klar festgelegte Abgabezeitpunkte und transparente Vermittlungsprozesse senken Nutzungshürden. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein für den Wert von Materialien und für regionale Kreisläufe. Neben der Ressourcenschonung werden lokale Wertschöpfung, Gründungsinitiativen und die Optimierung regionaler Waren- und Materialkreisläufe gezielt gestärkt. Damit zeigt Köln, wie digitale Vernetzung Akzeptanz für Kreislaufwirtschaft schafft und gleichzeitig ökologische und ökonomische Ziele der nachhaltigen Stadtentwicklung miteinander verknüpft.

Fazit: Kreislaufwirtschaft verlangt gesellschaftliches Umdenken

Ob beim Upcycling, der spielerischen Annäherung oder bei der digitalen Vernetzung regionaler Materialströme: Die Beispiele aus Arnsberg, Kassel und Köln zeigen, wie digitale Lösungen dazu beitragen können, neue Routinen im Sinne der Kreislaufwirtschaft zu etablieren.

BOOST-IN unterstreicht dies besonders deutlich für den sensiblen Bereich der Wasserwiederverwendung: Selbst technisch ausgereifte und sichere Lösungen benötigen gesellschaftliche Zustimmung. Transparenz, dialogorientierte Kommunikation und digitale Visualisierungen können hier entscheidend dazu beitragen, Vertrauen zu schaffen.

Kreislaufwirtschaft ist damit nicht nur eine technologische, sondern vor allem eine gesellschaftliche Transformationsaufgabe. Digitale Werkzeuge wirken in diesem Prozess wie Möglichmacher: Sie vereinfachen den Zugang zu Informationen und Angeboten und machen nachhaltige Handlungsoptionen alltagstauglich. Kommunen, die den Weg in Richtung Circular Economy beschreiten, sollten diese Potenziale gezielt nutzen – denn erst wenn Menschen überzeugt sind, kann Kreislaufwirtschaft ihr volles ökologisches, wirtschaftliches und soziales Potenzial entfalten.

Literaturhinweise und Leselinks

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), 2025: Re:use • Re:think • Re:volution. Endlos gut – warum die Zukunft im Kreis läuft. Zugriff: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/reuse-rethink-revolution-endlos-gut-warum-die-zukunft-im-kreis-laeuft [zuletzt abgerufen am 17. Dezember 2025].

BMUV – Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz, 2024: Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie. Zugriff: https://www.bundesumweltministerium.de/download/nationale-kreislaufwirtschaftsstrategie-nkws [zuletzt abgerufen am 17. Dezember 2025].

BMWSB – Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (Hrsg.), 2023: Kreislaufwirtschaft für die ländliche Entwicklung – Potenziale in Deutschland und Europa. Zugriff: https://www.region-gestalten.bund.de/Region/DE/vorhaben/kreislaufwirtschaft/abschlusspublikation.pdf?__blob=publicationFile&v=2 [zuletzt abgerufen am 17. Dezember 2025].

BMWSB – Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (Hrsg.), 2025: Umsetzung der Territorialen Agenda 2030. Im Kreislauf denken, regional handeln. Wie Unternehmen den Wandel in ländlichen Regionen gestalten. Publikation der Pilotaktion Circular Rural Regions. Zugriff: https://www.region-gestalten.bund.de/Region/DE/vorhaben/circularruralregions/Ergebnisse/dl-stgr-wirtschaft-kreislauf.pdf?__blob=publicationFile&v=4 [zuletzt abgerufen am 17. Dezember 2025].

BOOST-IN, 2025: Overcoming social perception barriers in circular water solutions. Policy Brief. Zugriff: https://boostin.eu/storage/2025/12/BOOST-IN-Policy-Brief-for-dissemination_V2.pdf [zuletzt abgerufen am 17. Dezember 2025].

Wagner-Endres, S.; Peters, O.; Gieseler, H.; Liedloff, V.; Munzert, M.; Scheller, H., 2025: Kreislaufstadt – Chancen für Resilienz und Wertschöpfung: Ergebnisse aus der Difu-Gemeinschaftsstudie und Leitfaden für Kommunen (Edition Difu – Stadt, Forschung, Praxis Nr. 20). Deutsches Institut für Urbanistik (Difu). Zugriff: https://doi.org/10.34744/edition_difu_2025–20 [zuletzt abgerufen am 17. Dezember 2025].

 

Upcycling und Recycling Kaufhaus der Smart City Arnsberg: https://www.arnsberg.de/smart-city/smart-city-projektuebersicht 

Smart Waste in Kassel: https://www.kassel.de/einrichtungen/smartkassel/leitprojekte/udp-5/index.php

Regionale Wertschöpfungsketten in Köln: https://www.smart-city-dialog.de/wissen/massnahmen/massnahme-8-regionale-wertschoepfungsketten-1

Kölner MPSC Projekt un:box cologne: https://unbox.cologne 

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